krakau
6.11.05
  Zehn Jahre Einsamkeit

Manchmal bekommen Theaterstücke Beine und laufen durch die Welt. „Lina Böglis Reise“* wurde gestern in Krakau aufgeführt. Ich fragte mich, was kann der Regisseur Christoph Marthaler, mir, Judith Arlt, noch sagen über diese Frau, Lina Bögli? Da niemand antwortete, ging ich hin. Um es zu erfahren. In der „Hala na Rajskiej“. In der Halle an der Paradiesstraße. Einer vergessenen Requisitenkammer des Stary Teatr. Im Bus 192 ist meinem Kopf die Einsicht abhanden gekommen, dass Theater nicht nur von Sprache lebt.

Manchmal wirkt die Schwerkraft und der Mensch kommt nicht vom Fleck. Ich bin Schweizerin, lebe in Berlin, suche seit Jahren Spuren von Lina Bögli und ihrem Geliebten, General Julius Bijak. In Kwiatonowice. In Neuhaus. In New Holland. Ihr Großneffe Paul schloss mich im März in seine Arme und sagte: „Da bist du ja endlich!“ Himmel auf Erden. Wo bin ich hingekommen?

Manchmal bin ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Es hat lange gedauert. Auf roten Plastikstühlen. Einer provisorischen Zuschauertribüne. Nichts für Menschen mit Rückenschmerzen. Aber neuerdings üblich. In stillgelegten Fabriken und leergeräumten Hotels. Wird Theater gemacht. In Basel am Badischen Bahnhof hätte ich das Stück nicht ernst genommen. Die Lieder als Kitsch verlacht. Die Texte als hoffnungslos banal. Im Berliner Prater hätte mich das Stück zu Tode gelangweilt. Ich wäre in der Pause Bier trinken gegangen. Wie so viele andere auch. Und nicht wieder gekommen. In Krakau hingegen gab es keine Pause. An der Paradiesstraße berührte mich das unauflösbare Dilemma der Hauptfigur an einer Stelle, die ich bisher selbst nicht kannte. An mir. Auf der Bühne stand eine kleine Frau im hochgeschlossenen schwarzen Kostüm. Die disziplinierte Erzieherin des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Und um sie herum wucherte die Sehnsucht. Das Heimweh. Die Schweiz. Die Schweiz als Radio. Die Schweiz zum An- und Ausschalten. Die Schweiz als Druckknopf. Die Schweiz als Briefträger. Die Schweiz als See- und Landweg. Die Schweiz als Leiden über Leiden statt Leiden statt Leiden schafft Land und Leute. Die Schweiz als Gottfried Gotthard. Die Besitzgier eines Alpenpassübergangs.

Seit der Antike kennen wir Personifizierungen. Personifizierte Ängste. Personifizierte Träume. Personifizierte Triebe. Amor und Psyche. Neu ist die Ausweitung des Raumes. Der Requisitenkammer. Tiefenpsychologie auf Orgelpfeifen. Trauermarsch am Stehpult. Der Liebeskummer wird ausgelagert. Modernes Outsourcing. Die Leidensfähigkeit läuft neben dem Taktstock einher. Die Bühne als Innenraum. Das ist überhaupt nichts Neues.

Um zehn Jahre entsetzlicher Einsamkeit spürbar zu machen, genügt ein Glas Wasser. Ein roter Apfel. Und drei singende Knaben.


* Lina Böglis Reise. Regie: Christoph Marthaler. Dramaturgie: Andrea Schwieter. Musik: Clemens Sienknecht. Darsteller: Catriona Guggenbühl, Michael von der Heide, Albi Klieber, Clemens Sienknecht, Graham F. Valentine.
5. und 6. November 2005, baz@rt.de/ch Stary Teatr Kraków Hala, 20.30
 
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